Ähnlich wie in regulären Erste-Hilfe-Kursen lernen Teilnehmer der MHFA-Kurse von geschulten Referenten etwas über mögliche Notfälle: Woran genau lassen sich Depressionen, Angsterkrankungen, Panikattacken oder Psychosen erkennen? Wie verhalten sich Suizidgefährdete? Was macht eine Sucht aus? Und sie lernen auch seelische Wundversorgung: In Rollenspielen üben sie etwa, wie sie reagieren können, wenn jemand Wahnvorstellungen hat. Wie sie Anzeichen einer seelischen Krise erkennen oder jemandem mit Suizidgedanken Halt geben können. Unterstützend gibt es Handbücher zum Nachlesen, die auch online frei verfügbar sind.

Entwickelt wurde das Projekt von einem australischen Paar, dem Psychologen Tony Jorm und der Krankenpflegerin Betty Kitchener, die selbst mehrfach depressive Episoden durchlebte. Ihre persönlichen Erfahrungen offenbarten Lücken im System: Es gebe eine Vielzahl von Erkrankten, die Hilfsangebote seien regional ungleich verteilt und der Bedarf an Behandlungen nicht gedeckt.

Wir brauchen, schreiben Kitchener und Jorm in einem Forschungsbericht, „eine Lösung, die außerhalb des herkömmlichen Gesundheitssystems liegt.“ Die sahen sie in Laien, die mehr über psychische Probleme und deren Versorgung wissen. Mit Psychologen, Psychiatern, Verbraucherschützern, Pflegekräften und Sozialarbeitern aus mehreren Ländern sichteten sie wissenschaftliche Literatur und sammelten Expertenmeinungen, um einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit zu entwerfen.

Im Jahr 2000 fand dieser erstmals statt. Inzwischen ist das Projekt weltweit bekannt: Mehr als zwei Millionen Menschen in Nordamerika, Europa, Asien und Australien haben daran teilgenommen. Wohltätige Organisationen und Regierungsbehörden haben die Kurshandbücher in ihre Landessprachen übersetzt. Vor allem in den USA erhält die Bewegung viel prominente Unterstützung: Michelle Obama hat bereits einen Kurs absolviert, ebenso Football-Star Brandon Marschall. Und die Stiftung „Born This Way“ der Sängerin Lady Gaga will MHFA-Kurse finanziell unterstützen.

Vier Dutzend Studien bekräftigen den Erfolg: Die Erste-Hilfe-Kurse erweitern nicht nur den Horizont der Teilnehmer. Diese trauen sich nachher auch eher zu, anderen ihre Hilfe anzubieten und tun dies tatsächlich auch öfter als Erwachsene, die keinen Kurs absolvierten. Das zeigte zum Beispiel eine 2014 veröffentlichte schwedische Übersichtsarbeit mit Daten von mehr als 3000 Teilnehmern aus mehreren Ländern.

In Deutschland sind die Kurse weitgehend unbekannt. „Hierzulande existieren bereits zahlreiche Projekte, die Menschen über psychische Beschwerden aufklären“, sagt Ulrich Hegerl, Direktor des Universitätsklinikums Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Unter dem Dach der Stiftung und in Zusammenarbeit mit den regionalen Bündnissen gegen Depression würden etwa Lehrer, Pfarrer, Apotheker und Polizisten darin ausgebildet, zu erkennen, wenn ein Mensch depressiv ist und Suizid begehen will – und darauf entsprechend zu reagieren. Dieses Projekt sowie Aufklärungsmaßnahmen bei Hausärzten und in der Bevölkerung hätten sich über die Grenzen Deutschlands ausgebreitet und bereits in einigen Regionen von 24 Ländern etabliert.

Einen Erste-Hilfe-Kurs mit Fokus auf mehrere psychische Erkrankungen hält Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) aber ebenso für sinnvoll: „Wenn jemand auf der Straße umfällt, rufen wir schnellstmöglich den Notarzt“, sagt Deister, der auch der Stiftung Seelische Gesundheit vorsitzt, die Aufklärungskampagnen unterstützt. „Wenn jemand tief verzweifelt ist, weiß keiner, was zu tun ist. Das müssen wir ändern.“

Es sei wichtig, die Menschen für psychische Probleme zu sensibilisieren. In schweren Krisen sendeten Betroffene immer Signale aus. Aber es brauche jemanden, der sie erkenne – und darauf reagiere. Ein Erste-Hilfe-Kurs wäre eine Möglichkeit, das Wissen dafür zu verbreiten.

 

Quelle Spiegel-Online