Auf den ersten Blick ist es für die Ärzte des Jackson Memorial Krankenhauses in Miami ein ganz normaler Notfall: In einem Krankenwagen wird ein schwerkranker, älterer Mann eingeliefert. Der Patient wurde auf der Straße gefunden, bewusstlos, offenbar angetrunken. Und er brauchte dringend lebenserhaltende Hilfe, ohne die, so sind sich die Ärzte sicher, würde er mit großer Wahrscheinlichkeit die nächsten Stunden nicht überstehen.

Ausweispapiere hat der Mann nicht dabei, dafür aber ein Tattoo auf der Brust, das die Notärzte zögern lässt. „Reanimieren Sie mich nicht“, lesen sie da in großen schwarzen Buchstaben. Das Wort „nicht“ ist dabei zusätzlich unterstrichen, seine Unterschrift ebenfalls eintätowiert.

 

Die Entscheidung der Ärzte

Die Ärzte in Florida haben keine Zeit für lange Diskussionen. Der Mann mit dem septischen Schock hat bereits einen extrem niedrigen Blutdruck. Wegen einer Infektion drohen seine Organe zu versagen. Wenn er nicht sofort Antibiotika bekäme, künstlich beatmet und an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden würde, würde er in kürzester Zeit sterben, heißt es später in einem Protokoll.

Nach kurzer Besprechung entscheiden sich die Notärzte für lebenserhaltende Maßnahmen. Sie wollen Zeit gewinnen, den Gesundheitszustand des Patienten erst einmal stabilisieren und sich dann mit dem Ethikberater der Klinik besprechen. Was ist, wenn sich der Mann, dessen Name nicht veröffentlicht wurde, das Tattoo schon vor langer Zeit hatte stechen lassen und heute ganz anderer Meinung ist? Vielleicht war er damals betrunken oder hatte eine Wette verloren?

 

Notärzte in einer schwierigen moralischen Situation

„Kliniken sind moralisch und rechtlich verpflichtet, den letzten Willen des Patienten zu respektieren“, schreibt Notarzt Gregory Holt im Fachblatt The New England Journal of Medicine über den aktuellen Fall. Rechtlich bindend sei eine Tätowierung als Patientenverfügung nicht. Die Gesetze in Florida verlangen dafür eine schriftliche Erklärung. Es muss von einem Arzt und dem Patienten oder jemandem mit einer Vollmacht unterschrieben sein. In einer Studie erklärten nur 46 Prozent der befragten, schwer kranken Klinikpatienten, dass sie am Leben gehalten werden wollen.

„Kein Arzt muss mit einer Bestrafung rechnen, wenn er ein solches Tattoo ignoriert und dem Patienten hilft“, sagt Arthur Caplan, Professor für Bioethik von der New York University School of Medicine. „Ich würde das nur als Hinweis sehen, einmal in die Akte des Patienten zu schauen, aber nicht als Anweisung.“ Anders sei die gesetzliche Situation im umgekehrten Fall. „Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man besser alles unternehmen, um das Leben zu retten“, sagt Caplan. Ein Notarzt, der durch Familienangehörige oder Freunde alarmiert werde, sei dazu sogar verpflichtet. „In einem solchen Fall wird man reanimiert.“ Mit oder ohne Tattoo.

Der Ethikberater des Jackson Memorial Hospital in Miami ist am Ende anderer Meinung als die Notärzte. Er erkannte das Tattoo als Patientenerklärung an. Als dann die Verwaltung zusätzlich auch noch eine schriftliche Verfügung im Computer der Gesundheitsbehörde fand, wurden die Maschinen abgestellt. Wenige Stunden später starb der 70-Jährige.

Quelle: WeltN24