Wie Medizinstudenten dank einer App Leben retten

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„Oh, da ist ein Herzinfarkt – ich muss los.“ Mit diesen Worten brach Veronika Sperl ein Frühstück mit Studienkollegen ab, um bei einem Notfall Hilfe zu leisten. Alarmiert wurde die 22-Jährige nicht direkt über einen Notruf – sondern über die neue App „Die Lebensretter“, für die sich Medizinstudenten seit Kurzem als Erstretter registrieren lassen kann. Damit soll nicht nur das Netz von Ersthelfern bei einem Rettungseinsatz verdichtet, sondern wertvolle Zeit verkürzt werden, bis Erste-Hilfe-Maßnahmen gesetzt werden.

Das funktioniert so: Über die App erfahren die Registrierten dank Smartphone-Ortungsdiensten, wenn in der Nähe ihres Aufenthaltsort ein Notfall passiert. Wer verfügbar ist, meldet sich und wird zum Einsatzort navigiert. Ist man noch vor der Rettung vor Ort, beginnt man sofort mit Erste-Hilfe-Maßnahmen oder gegebenenfalls einer Reanimation, bis der Notarzt eintrifft.

Ob Herzinfarkte, plötzlicher Herztod oder ein Herz stillstand aus anderen Gründen: Pro Minute, in der nichts getan wird, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn bis zwölf Pro zent. Auch in einem per fekten Rettungssystem dauert es et wa elf Minuten bis der Not arzt am Einsatzort eintrifft. Man kann sich also aus rechnen, wie rasch die Chancen für das Überleben sinken.

Jakob Eichelter, Initiator der Lebensretter-App (im Bild unten ganz rechts), beschäftigen diese Fakten nicht erst, seit er Medizin studiert. Ein Notfall im familiären Umfeld zeigte ihm vor einigen Jahren, wie notwendig schnelles Eingreifen sein kann. Seit seinem Zivildienst als Notfallsanitä ter bei der Wiener Rettung engagiert er sich ehrenamtlich beim Verein „Puls“, der im Kampf gegen plötzlichen Herztod das Bewusstsein für Erste Hilfe erhöhen will.

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In anderen Ländern funktionieren derartige Ersthelfer-Apps bereits sehr gut. In Österreich gibt es seit zwei Jahren gute Erfahrungen mit einer App, die allerdings bisher nur für ausgebildete und registrierte Sanitäter zugänglich war. Aber nicht alle ausgebildeten Sanitäter sind darauf angemeldet. Doch bei Notfällen mit Herzstillständen gilt: Je mehr kundige Ersthelfer in der Nähe sind, desto höher ist die Chance für Betroffene, zu überleben.

Win-win-Situation

Diese bestehende App auf Medizinstudenten auszuweiten, lag daher für Eichelter auf der Hand – und er schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn Erste- Hilfe-Praktika und Reanimation stehen bereits in den ers ten Studiensemestern auf dem Lehrplan. „Auf der Med Uni Wien gibt es fast 8000 Studenten, die darin ausgebildet sind. Es ist doch schade, dieses Potenzial für Notfalleinsätze brachliegen zu lassen.“ Auch von Studentenseite besteht großes In te resse dabei mitzumachen. Direkt nach der ers ten Infoveranstaltung im März ließen sich 300 registrieren und wurden nach Überprüfung ihrer Daten und Zeugnisse freigeschaltet. Veronika Sperl, die derzeit im vier ten Semester studiert, hatte die Prozedur schnell hinter sich. „Es war selbstverständlich, bei diesem Projekt mitzumachen.“

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Im Alltag trauen sich viele die Erste Hilfe bei einem Notfall nicht zu. „Der größte Hemmschuh ist die Angst“, weiß Eichelter. Doch im Gegensatz zu Menschen, de ren letzter Erste-Hilfe-Kurs schon viele Jahre zurückliegt, sind die Medizinstudenten auf dem aktuellsten Stand. Und: „Sie trauen sich, es zu tun. Jemanden dabeizuhaben, der weiß, was zu tun ist, gibt vielen Angehörigen Sicherheit.“ Für Veronika Sperl war bereits ihr erster Einsatz in der Praxis eine gute Erfahrung. Sie kam gleichzeitig mit dem Notarztwagen zum Einsatzort. „Am Weg habe ich noch durchdacht, was zu tun ist, aber gleichzeitig war ich sehr ruhig. Ich wusste, dass ich alles richtig machen werde.“

Lebensretter: Jede Sekunde zählt

Das Projekt Umgesetzt wird  das Projekt (Gratis-Download der App „Die Lebensretter“)  mit Wiener Berufsrettung, Verein Puls und Verein Lebensretter. Die ÖH Med Wien übernimmt den Kontakt zu Studierenden. Finanziert wird die App vom Verein Lebensretter.

Der Ablauf Geht bei der Leitstelle der Wiener Rettung ein Notruf mit Verdacht auf Herzstillstand ein, werden auch registrierte Lebensretter in der Nähe verständigt. Es sind immer mehrere, um die Erste Hilfe zu gewährleisten. Die ersten werden zum Einsatzort geleitet.

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